Mit der erfolgreich bestandenen Prüfung vor den Fachprüfungsausschüssen der Handwerkskammer Münster haben 38 Handwerksmeister/-innen aus dem gesamten Bundesgebiet den 20. Studiengang ,,Restaurator im Handwerk" auf Schloss Raesfeld abgeschlossen. Seit 1984 führt die Akademie des Handwerks diese Fort- und Weiterbildung für Meister/-innen des Bau- und Ausbauhandwerks in berufsbegleitender Form über einen Gesamtzeitraum von 20 Monaten durch. Ca. 850 Absolventen haben sich seither im westfälischen Raesfeld zum ,,Restaurator im Handwerk" qualifiziert und mit bestandener Prüfung die Berechtigung erworben, diese durch die Handwerks-Ordnung geschützte Berufsbezeichnung in Verbindung mit dem ,,Meister" zu fuhren.
 
Die Prüfungsordnung der Handwerkskammer Münster wurde 1996 auf der Grundlage eines Entwurfes des Westfalischen Amtes für Denkmalpflege und der Akademie des Handwerks überarbeitet. Mit der Neufassung ergänzt die HK Münster als bis dato einzige Kammer die bundeseinheitliche Rahmenprüfungsordnung des ZDH um ein drittes Prüffach und fordert neben zwei schriftlichen Prüfungen nunmehr auch eine Projektarbeit.
 
Die Projektarbeit verlangt die intensive Auseinandersetzung mit dem unersetzlichen Originalbestand und die fachgerechte, aussagefähige Dokumentation der gewonnenen Erkenntnisse. Gewerkspezifische Aufgabenstellungen zu handwerklichen Leistungen der jeweiligen beruflichen Vorgänger sollen dem Grundgedanken Rechnung tragen, dass ,,Handwerkliche Denkmalpflege" weit mehr umfasst als einzig die Anwendung meisterlicher Fertigkeiten und Kenntnisse - nur eben an Denkmälern. Vor diesem Hintergrund sind in der Projektarbeit Instandsetzungsvorschlage zu entwickeln und darzustellen, die die Angemessenheit eines jeden Eingriffes in den Originalbestand sorgfaltig abwägen und verlässliche Kriterien für restauratorische Entscheidungsprozesse liefern.
 
Für die beste Projektarbeit des 20. Studienganges zum ,,Restaurator im Handwerk" wird der Metallbauermeister Jiirgen Leister aus Frankfurt/M. ausgezeichnet. In seiner Prüfungsarbeit befasst er sich mit einem der eisernen Ziergitter des Erbdrostenhofes in Münster. Das Balkongeländer war Mitte der 90er Jahre demontiert worden, ein symmetrisch angeordnetes Gegenstück befindet sich noch an Ort und Stelle im Mittelrisalit der Fassade zum Ehrenhof.
 
Im einleitenden Teil beschreibt der Verfasser Aufgaben und Tätigkeitsbereiche eines Restaurators im Metallbauerhandwerk, insbesondere das Zusammenwirken mit den weiteren Fachleuten bei der Durchführung denkmalpflegerischer Maßnahmen. Die Erläuterung der Aufgabenstellung dieser Prüfungsarbeit betont zugleich die besondere Bedeutung von Bestandsaufnahme und Dokumentation für den verantwortungsvollen Umgang mit Kulturgut. Nach einer kurzen Zusammenfassung der für die zeitliche Einordnung des Balkongitters wichtigen Informationen zur Baugeschichte des Erbdrostenhofes beschreibt der Verfasser die Spuren der Einbausituation in der Sandsteinfassade und erfasst vergleichend die Verankerung des Gegenstücks im Sandstein. Die Bestandsaufnahme des Balkongitters hält sich konsequent an die im Studiengang vermittelte Vorgehensweise. Zu der fotografischen Dokumentation werden maßstäbliche Zeichnungen erstellt, die allen folgenden Arbeitsschritten als Grundlage dienen.
 
Übersichtliche Kartierungen fassen Ergebnisse der fachlichen Bestandsaufnahme zusammen und ordnen Einzelinformationen und Fotos leicht nachvollziehbar dem Gesamtzusammenhang zu. Die besondere handwerkliche Qualität des - in weiten Teilen - barocken Gitters macht der Verfasser in einem ausführlichen Kapitel zu den vorzufindenden Werk- und Verbindungstechniken deutlich. Frühere Reparaturen werden in Art und Umfang lokalisiert und durch Archivfotos nachgewiesen. Die Schadensuntersuchung zeigt eine Vielzahl loser Verbindungen, Risse im Material und Korrosion und belegt die Notwendigkeit restauratorischer Maßnahmen als Voraussetzung für den Wiedereinbau. Abschließend werden mögliche Maßnahmen zur Erreichung dieser Zielsetzung beschrieben und die Kosten für eine Realisierung kalkuliert. Alternativ geht der Verfasser auf die Möglichkeit einer geschützten Unterbringung des Originalgitters ein, nicht ohne für diesen Fall auf die Notwendigkeit eines Balkongitters hinzuweisen.
 
Die Projektarbeit von Jürgen Leister überzeugt inhaltlich durch den methodischen Aufbau von Bestandsaufnahme und Dokumentation und formal durch Ware Gliederung und ein ausgewogenes Verhältnis der Dokumentationsmittel Text/Foto/Zeichnung. Der Respekt vor einem Original hat - ganz im Sinne der Aufgabenstellung - zu genauem Hinschauen geführt. Ein hoher selbst gestellter Qualitätsmaßstab beim Einsatz moderner Dokumentationstechniken erlaubt schnell erfassbare fachliche Informationen sowohl für die Veranschaulichung historischer Botschaften wie auch als Grundlage von Entscheidungen für den angemessenen Umgang mit dem Denkmal - einem handwerklichen Detail.
 
Eckard Zurheide